Anna und der Goethe – Lucy Blohm

Die examinierte Kinderkrankenschwester Anna ist unzufrieden mit dem Leben. Sie hat grosse Plaene, denn mit ihren 24 Jahren plant sie, das Abitur nachzuholen und danach Medizin zu studieren. Das allerdings missfaellt ihrem Freund Holger, der sie – nachdem sie mit der Schule begonnen hat – kurzerhand vor die Tuer setzt. Seitdem wohnt Anna in einer kleinen WG und bueffelt fuer die Schule. Besonders in Deutsch tut sie sich jedoch schwer, vor allem, weil sie eine Biographie ueber Goethe und eine Interpretation eines seiner Gedichte vorstellen soll. Doch dann passiert unglaubliches. Nach einem heftigen Wutanfall steht der leibhaftige Goethe vor ihr.

Anna ist eine durch und durch sympathische Protagonistin. Man merkt deutlich ihre Zerissenheit in Bezug auf ihre Zukunftsplaene und auch ihr noch junges Alter hat die Autorin wunderbar in Worte gefasst. Die Begegnung mit Goethe hat viele witzige Seiten, ist er doch aus dem 18. Jahrhundert in unserer Zeit gelandet und ist verwirrt ueber die moderne Technik. Doch nach und nach naehern Anna und Goethe sich an – Anna lernt, Goethe zu verstehen und auch Goethe berichtet ueber sich und sein Leben. Hier merkt man, wie gut die Autorin recherchiert hat – denn die tatsaechlichen Ereignisse in Goethes Leben und auch seine Beziehungen zu den diversen Frauen sind tatsachengetreu dargestellt. Auch wenn natuerlich in der uebrigen Geschichte viel dichterische Freiheit steckt – man kann sich gut vorstellen, dass Goethe so in etwa agiert haben koennte. Letzendlich schafft der Dichter es, dass aus der unsicheren, zerissenen Anna eine selbstsichere Frau wird, die sich den Widrigkeiten des Lebens stellt.

Der Roman ist sehr fluessig zu lesen, oft habe ich laut aufgelacht, manchmal musste ich schmunzeln und viele Stellen haben mich nachdenklich werden lassen. Die Autorin hat es geschafft, mein Interesse an Goethes Werken zu wecken. Auch wenn ich etliches selber in der Schule “durchgenommen” habe – vieles sehe ich jetzt mit anderen Augen und groesserem Interesse.

Fuer das wirklich tolle Lesevergnuegen bedanke ich mich von Herzen. Und dieses Buch sei all denen empfohlen, die nicht unbedingt einen oberflaechlichen Liebesroman suchen, sondern ein Buch mit Tiefgang, das aber dennoch sehr spannend und mitreissend geschrieben ist. Von mir gibt es fuenf funkelnde Sterne – die, die auch Anna und Goethe in einer Nacht beobachtet haben.

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Mit gebrochenen Flügeln – Lucy Blohm

Marie ist auf der Suche nach Hanna, ihrer besten Freundin, Juedin und kurz nach der Reichsprogromnacht nach Nuernberg verschleppt. Auf ihrer Suche gehen ihr die Stationen ihres gemeinsamen Weges durch den Kopf: das Kennenlernen, die Freundschaft und das getrennte Leben.

Lucy Blohm schildert eindrucksvoll und erschreckend realistisch die Ereignisse kurz nach der Reichsprogromnacht 1938. In bedrueckenden Bildern beschreibt sie die Zerstoerung Nuernbergs und die Verschleppung der Juden. In ihren Rueckblicken erkennt man den Verlauf der Geschichte – vom durch Juden gefuehrten Laden der gut besucht wurde bis zum Geschaeft, das gemieden werden musste – und die damit entstandenen Probleme, Anfeindungen und den Riss in der Gesellschaft. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, diese Zeitzeugnisse (auch wenn es sich um eine frei erfundene Erzaehlung – jedoch nach realen Ereignissen handelt) deutlich zu machen, damit es nie wieder soweit kommt.

Die Novelle hat mich traurig hinterlassen, und mit vielen Gedanken, die wohl so schnell nicht aus meinem Kopf verschwinden. Es ist kein Buechlein mit Happy End, das gab es leider damals nur fuer die wenigsten Juden, aber es ist ein Buechlein, das uns klarmachen sollte, wie es war und wie es nie wieder kommen sollte. Deshalb spreche ich eine klare Leseempfehlung aus!

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